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Neid & Angst

Porträt einer nachdenklichen Frau in Schwarz-Weiß, die aus einem Fenster blickt. Text-Overlay: „Emotionen. Angst & Neid: Wie Gefühle spalten.“

Dominik

9. Februar 2026

Antidiskriminierung | Diversity Management | Vielfalt

Wie uns diese Gefühle spalten und was wir dagegen tun können.

Ein persönlicher Moment der Ehrlichkeit

Neulich am Küchentisch kochte die Stimmung plötzlich hoch. Eigentlich war das Gespräch locker, bis das Thema Geflüchtete aufkam. „Die kriegen doch alles in den Hintern geschoben, während wir leer ausgehen!“, schimpfte der Onkel. Und Oma legte nach: „Man weiß ja gar nicht mehr, wer hier alles ins Land kommt.“
In mir brodelte es. Gleichzeitig spürte ich: Da sprechen Neid und Angst: Zwei mächtige Emotionen, die wohl alle kennen. Sie entstehen aus der Sorge, zu kurz zu kommen. Doch wenn wir sie unreflektiert lassen, verzerren sie unsere Sicht auf die Realität massiv (R+V Infocenter & Borucki, 2025).

Ausdrucksstarke Nahaufnahme eines wütenden Gesichts mit zusammengekniffenen Augen und entblößten Zähnen als Symbol für gesellschaftliche Wut und Frustration.

Wenn Zahlen die Vorurteile einholen

Sätze wie „Die bekommen mehr als wir!“ halten einer Prüfung kaum stand. Ein Blick in die aktuellen Verordnungen der Bundesregierung zeigt ein klares Bild: Die materielle Absicherung von Asylsuchenden liegt systematisch unter dem Niveau der allgemeinen Grundsicherung (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2025).

Während das Bürgergeld für Alleinstehende bei 563 € liegt, erhalten alleinstehende Asylsuchende im Jahr 2025 bei 441 € (Bundesregierung, 2025; Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2025). Das ist eine Differenz von etwa 22 %. Während beim Bürgergeld eine „Nullrunde“ gilt, wurden die Sätze im AsylbLG 2025 sogar real abgesenkt (Bundesregierung, 2025; Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2025). Geflüchtete werden also nicht bevorzugt, sondern leben oft unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums.

Balkendiagramm zum Vergleich der Regelsätze 2025 für Alleinstehende: Bürgergeld 563€ im Vergleich zu den deutlich geringeren AsylbLG-Grundleistungen 441€.

Auch beim Thema Gesundheit wird oft mit „affektiven Narrativen“ gearbeitet, also Geschichten, die nur dazu da sind, Gefühle auszulösen (R+V Infocenter & Borucki, 2025). Die Behauptung, Geflüchtete bekämen eine „Vollsanierung“ beim Zahnarzt auf Staatskosten, ist rechtlich schlicht falsch. Gemäß § 4 AsylbLG ist die Versorgung in den ersten 36 Monaten auf akute Schmerzen und Notfälle begrenzt (DocCheck Team & Correctiv, 2023). Tatsächlich nehmen Geflüchtete zahnärztliche Leistungen sogar seltener in Anspruch als der Durchschnitt der Bevölkerung (DocCheck Team & Correctiv, 2023).

Diagramm zum Wohnungsmangel in Deutschland: Visualisierung des Rekorddefizits von 1,4 Millionen fehlenden Wohnungen bis Ende 2024.

Die Wohnungskrise: Sündenböcke vs. Strukturprobleme

„Wegen der Flüchtlinge gibt es keine Wohnungen mehr.“ Dieses Narrativ maskiert jahrzehntelange wohnungspolitische Fehlentscheidungen. Ende 2024 fehlten in Deutschland rund 1,4 Millionen Wohnungen (Pestel-Institut, 2026). Das Problem: Der Staat hat sich seit den 1980er Jahren aus dem sozialen Wohnungsbau zurückgezogen (Pestel-Institut, 2026). Geflüchtete sind oft selbst die Leidtragenden und hängen über Jahre in Sammelunterkünften fest, weil bezahlbarer Wohnraum fehlt (Pestel-Institut, 2026).

Die globale Perspektive: Überforderung oder Wahrnehmungsverzerrung?

Oft fühlen wir uns in Deutschland „überfordert“. Doch ein Blick auf globale Daten des UNHCR rückt das ins Verhältnis: Ende 2024 waren weltweit 123,2 Millionen Menschen auf der Flucht (UNHCR, 2025). Rund 73 % dieser Menschen werden in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen aufgenommen – der Großteil bleibt also im Globalen Süden (UNHCR, 2025).

Kreisdiagramm zur globalen Verteilung von Geflüchteten laut UNHCR (Ende 2024): 73% finden Schutz im Globalen Süden, nur 27% im Rest der Welt.

Das Gegenmittel: Kontakt und Empathie

Wie kommen wir aus der Neid-Falle raus? Die Psychologie hat eine Antwort: die Kontakthypothese. Studien mit über 250.000 Teilnehmenden belegen, dass persönlicher Kontakt Vorurteile abbaut, weil er Wissen steigert und Angst reduziert (Pettigrew & Tropp, 2006).

Das zeigt sich auch beim Thema Neid auf Reiche: Wer persönlich einen Millionär kennt, bewertet diese Gruppe deutlich positiver als Menschen, die ihre Informationen nur aus „Fernbildern“ beziehen (Zitelmann, 2019). Isolation verstärkt Vorurteile; Begegnung löst sie auf.

Die stille Mehrheit der Solidarität

Trotz der lauten Debatten gibt es ein stabiles Fundament in Deutschland: Seit 2015 haben rund 55 % der Bevölkerung Geflüchtete unterstützt und das durch Spenden, Zeit oder Fürsprache (IAB-BAMF-SOEP, 2020). Diese Hilfsbereitschaft ist das wichtigste Korrektiv gegen die politisch geschürte Angst.

 

Was du tun kannst

  1. Emotionen checken: Frag dich bei Wut: Reagiere ich auf Fakten oder auf ein Narrativ?
  2. Wissen statt Glauben: Nutze Quellen wie das Bundesgesetzblatt oder UNHCR-Berichte, statt Kettenbriefen zu vertrauen.
  3. Begegnung wagen: Redet miteinander statt übereinander. Kontakt ist der effektivste „Vorurteilskiller“ (Pettigrew & Tropp, 2006).
Zwei Kinder unterschiedlicher Herkunft umarmen sich herzlich und lachen – Symbolbild für die Kontakthypothese und den Abbau von Vorurteilen durch Begegnung.

Unsere Quellen

Bundesministerium für Arbeit und Soziales. (2025). Leistungssätze nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. https://www.bmas.de/DE/Soziales/Sozialhilfe/LeistungenAsylbewerberleistungsgesetz/leistungssaetze-asylbewerberleistungsgesetz.html

Bundesregierung. (2025). Festlegung der monatlichen Grundbedarfe zur Sicherung des Existenzminimums. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/nullrunde-buergergeld-2383676

DocCheck Team & Correctiv. (2023). Des Flüchtlings neue Zähne: Ein investigativer Faktencheck. https://www.doccheck.com/de/detail/articles/46680-des-fluechtlings-neue-zaehne

IAB-BAMF-SOEP. (2020). Engagement für Integration und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft. https://doi.org/10.1007/978-3-658-31631-0

Infratest dimap. (2023). ARD-DeutschlandTrend Oktober 2023. https://www.infratest-dimap.de/fileadmin/user_upload/DT2310_Report.pdf

Pestel-Institut. (2026). Analyse des deutschen Wohnungsmarktes: Defizite und Handlungsbedarfe. https://www.pestel-institut.de/

Pettigrew, T. F., & Tropp, L. R. (2006). A meta-analytic test of intergroup contact theory. Journal of Personality and Social Psychology, 90(5), 751–783. https://doi.org/10.1037/0022-3514.90.5.751

R+V Infocenter & Borucki, I. (2025). Die Ängste der Deutschen: Repräsentative Langzeitstudie. https://www.ruv.de/newsroom/themenspezial-die-aengste-der-deutschen

UNHCR. (2025). Global Trends: Forced Displacement in 2024. https://www.unhcr.org/global-trends-report-2024

Zitelmann, R. (2019). Die Gesellschaft und ihre Reichen: Vorurteile und Neid. ISBN 978-3-95972-163-9.

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